Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
ab 2005 an der Universität Hamburg herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen
unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer
http://www.lexm.uni-hamburg.de/
geb. am 17. Aug. 1887 in Diersburg (Großherzogtum Baden), Deutschland, verschollen nach dem 14. Aug 1942 im KZ Auschwitz, Polen, Kantor, Chorleiter, Religionslehrer.
Salomon Bergheimer wurde am 17. Aug. 1887 als Sohn von Moses und Sara Bergheimer in der nicht weit von Lahr entfernten kleinen Ortschaft Diersburg (unweit von Offenburg) geboren, wo seit Mitte des 18. Jahrhunderts eine Landjudengemeinde ansässig war. Dort lebten die Vorfahren Salomon Bergheimers wohl spätestens seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Eine erste datierbare Grabstätte eines Mitglieds der Familie Bergheimer auf dem jüdischen Friedhof in Diersburg stammt aus dem Jahr 1815.
Der junge Salomon Bergheimer wird in seinem Heimatort in die Schule gegangen sein, um danach vermutlich auf die weiterführende Schule nach Offenburg zu wechseln. Wo er danach seine Ausbildung erhalten hat, ist noch ungeklärt. Im Jahr 1906 übernahm er im jungen Alter von noch nicht einmal 20 Jahren die Religionslehrer- und Kantorenstelle in der seit 1888 existierenden Jüdischen Gemeinde Lahr. Damals befand sich diese Gemeinde mit fast 150 Mitgliedern auf einem personellen Höchststand, so dass die Finanzierung eines hauptamtlichen Kantors und Lehrers möglich war. Anders als in den umliegenden Landgemeinden, wie etwa in Kippenheim oder Schmieheim, wo die Kantoren und Lehrer von weiter her verpflichtet wurden, hatte man in Lahr mit Bergheimer einen Kandidaten aus der Region gefunden. Er übte dieses Amt danach 30 Jahre lang aus. Neben seiner pädagogischen Tätigkeit war er wie die meisten Lehrer in kleineren Gemeinden zusätzlich als Kantor im Gottesdienst, aber auch für die rituellen Schächtungen zuständig.
Verheiratet war Salomon Bergheimer mit der aus Bruchsal stammenden Hilde Zivi (geb. 1897). 1928 kam ein Sohn zur Welt, der allerdings am Tag der Geburt verstarb. Bergheimer lebte in Lahr abwechselnd in mehreren Wohnungen. Zunächst von 1914 bis 1922 in der Luisenstraße 11, dann von 1922 bis 1925 am Werderplatz 7, danach 1925 bis 1933 in der Luisenstraße 23 und schließlich von 1933 bis 1936 in der Lotzbeckstraße 20.
Über das Wirken Bergheimers als Kantor und Lehrer ist bislang nur sehr wenig bekannt, wie überhaupt das Wissen um die kulturelle Praxis in der Lahrer Jüdischen Gemeinde noch immer sehr begrenzt ist. Die wenigen Mitteilungen zu Kantor Bergheimer gehen auf die vergleichsweise frühe Arbeit der Lehrerin Hildegard Kattermann zurück. Sie gibt in ihrer Dokumentation über die Geschichte der Lahrer Juden die Erinnerungen des Gemeindemitglieds Götz Samuel Hauser (geb. 1924) wieder: „Herr Salomon Bergheimer war Kantor und war auch wie ein Rabbiner tätig. Er war auch gleichzeitig Lehrer für Religion. Gottesdienst war jeden Freitag abend und Samstag morgen und natürlich an allen Festtagen. Frau Hofmann (Frau von Dr. Hofmann) spielte Harmonium, während der Sängerchor (wir Kinder und ein paar der Frauen) sang.“ (KattermannH 1976, S. 11) Ruth Ucko, geb. Ullmann, 1921 in Lahr geboren und wie Hauser damals Mitglied des jüdischen Kinderchors, erinnert sich daran, dass Kantor Bergheimer „eine schöne Stimme gehabt habe“ und man mit ihm zusammen „Melodien von Lewandowsky“ gesungen hat (StudeJ 1993a, S. 168).
Bergheimer scheint sich in Lahr auf seine praktischen Aufgaben konzentriert zu haben. Publikationen oder gar Musikkompositionen sind von ihm jedenfalls nicht bekannt. Eine der wenigen zu seiner Biographie vorliegenden Quellen ist das bislang einzige bekannte Bild Salomon Bergheimers, auf dem er in seiner Amtstracht als Kantor zu sehen ist. Höchstwahrscheinlich stammt die Fotografie ursprünglich aus dem Besitz des Offenburger Bezirksrabbiners Dr. Siegfried Ucko (1905-1976). Dieser hatte im Vorfeld seiner Emigration im Jahr 1935 von den jüdischen Gemeinden seines Bezirks zum Abschied eine Fotosammlung als Geschenk erhalten. Das Bild aus Lahr, das wahrscheinlich aus diesem Album stammt, zeigt Bergheimer im Betsaal der Jüdischen Gemeinde Lahr im Obergeschoss des Hauses Bismarckstraße 12. Neben Bergheimer am Vorleserpult sind die jungen Gemeindemitglieder sowie die erwähnte Else Hofmann zu sehen, die im Betsaal das Harmonium spielte. Der Gebrauch des Harmoniums im Kultraum sowie die Existenz eines gemischten Chors aus Jungen und Mädchen deuten darauf hin, dass Kantor Bergheimer einer vergleichsweise eher liberalen Religionspraxis der Vorzug gab.
Neben seiner Tätigkeit in der Jüdischen Gemeinde erteilte Bergheimer Religionsunterricht für die jüdischen Schüler des Lahrer Gymnasiums (heute: Scheffel-Gymnasium). Als er seine Stelle antrat, hatte er im Gymnasium weniger als zehn jüdische Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Ihre Zahl steigerte sich zwischen 1909 und 1916 auf zwischen 10 und 15, um dann in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg rapide zu sinken. Ende der 1920er Jahre waren zeitweise nur noch zwei jüdische Schüler auf dem Gymnasium. Bergheimer hielt dennoch weiterhin seinen Religionsunterricht ab. 1931 legte der letzte jüdische Schüler sein Abitur am Lahrer Gymnasium ab; auch er dürfte auf seinem schulischen Weg von Lehrer Bergheimer begleitet worden sein.
Im Jahr 1936 zogen Salomon und Hilde Bergheimer von Lahr nach Mannheim, wo die mit Abstand größte jüdische Gemeinde in Baden ansässig war. Hintergrund für den Umzug dürfte gewesen sein, dass in Mannheim mehrere Verwandte Bergheimers lebten, nämlich die Familien seiner Schwester Fanny und seines Bruders Josef. Bergheimer war in Mannheim offenbar wieder als Lehrer an der Jüdischen Schule tätig; ob er auch als Kantor gewirkt hat, ist ungewiss. Auch in Mannheim kam es zu mehreren Wohnungswechseln. Er lebte seit Anfang Mai 1936 zunächst allein in der Rheinstraße 7. Als seine Frau Mitte Juli 1936 aus Lahr nachzog, zogen die beiden in die Richard-Wagner-Straße 12/14 um. Seit dem 19. März 1940 wohnte das Ehepaar Bergheimer in der Straße O7,5.
Am 22. Okt. 1940 wurden Salomon und Hilda Bergheimer wie die meisten badischen Juden und Jüdinnen in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Auch die anderen Mitglieder der Familie in Mannheim wurden von dieser umfassenden Deportation erfasst. Salomon und Hilde Bergheimer waren fast zwei Jahre in Gurs inhaftiert, wahrscheinlich kamen sie zwischenzeitlich noch in ein Nebenlager in Rivesaltes. Am 14. Aug. 1942 wurde das Ehepaar über das Sammellager Drancy bei Paris mit dem Transport Nr. 19 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dieser Transport umfasste annähernd 1.000 Personen aus den französischen Lagern. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Deportierten gleich am Tag der Ankunft des Zugs in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Nur eine einzige Person aus diesem Transport hat überhaupt die NS-Herrschaft überlebt. Es ist deshalb davon auszugehen, dass Salomon und Hilde Bergheimer Mitte August 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurden.
Das Leben, das Wirken, aber auch der gewaltsame Tod des langjährigen Kantors und Lehrers der Lahrer Jüdischen Gemeinde sind in der lokalen Erinnerung mittlerweile fast vollständig in Vergessenheit geraten. An Bergheimers Wirkungsstätte in Lahr, dem Haus Bismarckstraße 12, wurde 1988 eine Gedenktafel für die gesamte Jüdische Gemeinde angebracht, die allerdings keine Namen der insgesamt mindestens 35 Opfer nennt. Anfang der 1980er Jahre und noch Ende der 1990er Jahre haben Neffen Salomon Bergheimers der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem verschiedene Auskünfte über die Geschichte der Familie gegeben (http://www.yadvashem.org/). Es scheint deshalb nicht gänzlich ausgeschlossen, dass es noch direkte Verwandte Salomon Bergheimers gibt, die Näheres über das Leben und das Schicksal des Lahrer Kantors berichten können.
Hauptquellen: Generalbevollmächtigter für das jüdische Vermögen in Baden o. J., KattermannH 1976, Gedenkbuch Frankreich 1978, KellerV 1988, StudeJ 1988a, StudeJ 1993, StudeJ 1993a, WilhelmU 2004, SchellingerU 2010