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Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
ab 2005 an der Universität Hamburg herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen
unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer
http://www.lexm.uni-hamburg.de/

Karl Haas

geb. am 27. Dez. 1900 in Karlsruhe, Deutschland, gest. am 7. Juli 1970 in London, Großbritannien, Dirigent, Musiker, Musikwissenschaftler.

Biographie

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Bildnachweis

Karl Haas wurde am 27. Dez. 1900 in Karlsruhe geboren. Nach Beendigung seiner Schulausbildung an einem humanistischen Gymnasium in Karlsruhe nahm er – eigenen Angaben zufolge auf Druck des Vaters – im Jahr 1920 an der Universität Heidelberg ein Medizinstudium auf, das er unmittelbar nach dem Tod des Vaters 1922 abbrach. Stattdessen studierte er in der Folgezeit zunächst ebenfalls in Heidelberg, später auch an der Universität München Musikwissenschaft, Physik und Kunstgeschichte sowie Musik an diversen nicht näher benannten Konservatorien bzw. im Privatstudium bei dem Hamburger Musikforscher und -pädagogen Hermann Roth. 1924 heiratete er gegen den entschiedenen Willen seiner jüdischen Mutter eine Christin. Im selben Jahr unterbrach er sein Studium, um zehn Monate am Louise-Dumont-Theater in Düsseldorf als Kapellmeister und Musikberater zu arbeiten. Das 1925 wieder aufgenommene Studium brach Haas 1927 ohne Abschluss ab und betätigte sich anschließend hauptsächlich aus finanziellen Gründen als Musiker in Essen, Frankfurt am Main und Darmstadt. Im Jahr 1929 gründete er gemeinsam mit anderen arbeitslosen Musikern in Karlsruhe ein Instrumentalensemble, das unter seiner Leitung regelmäßig zu Rundfunkaufnahmen vom Sender Radio Stuttgart herangezogen wurde. Im Gefolge dieser Engagements wurde ihm 1929 eine Position als musikalischer Berater und freier Mitarbeiter von Radio Stuttgart angeboten, woraufhin Haas nach Stuttgart zog.

Im Zuge der reichsweiten Übernahme der Radiosender durch die Nationalsozialisten am 18. Febr. 1933 verlor Karl Haas aufgrund seiner jüdischen Herkunft seine Positionen beim Rundfunk. In den folgenden Jahren wirkte er gelegentlich bei Konzerten der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft mit, sein finanzielles Auskommen sicherte dabei in der Hauptsache das Erbe des Vaters. Weiterhin beschäftigte er sich, wie schon in den Jahren zuvor, intensiv mit dem Sammeln (und Spielen) seltener historischer Musikinstrumente sowie dem Verfilmen bzw. Abfotografieren unveröffentlichter und unbekannter Musikautographe und -drucke verschiedenster Komponisten, insbesondere aus der Zeit des Barock. Seine Instrumentensammlung umfasste dabei u. a. mehrere Viole d’amore (Haas’ Spezialgebiet), eine Viola pomposa, Mandolinen, Fagotte, ein Bassetthorn sowie historische Militärtrommeln.

Im Kontext des Novemberpogroms durchsuchten am 10. Nov. 1938 SS und Gestapo die Wohnung von Karl Haas und verhafteten ihn noch am selben Abend. Über die Tage in der Gestapohaft berichtete Haas später im Rahmen seines Wiedergutmachungsverfahrens: „Dort [in der Dienststelle der Stuttgarter Gestapo im Hotel Silber] wurde ich stundenlang vernommen. Nachts gegen 24 Uhr des gleichen Tages [10. Nov. 1938] wurde ich in das Gefängnis in der Büchsenstraße überführt. In der Büchsenstraße wurde ich schwer misshandelt. So wurde ich u. a. auch auf den Boden geworfen und von einem SS-Mann mit dem Stiefelabsatz in den Bauch getreten. Ich wurde bewußtlos. Wie lange diese Bewußtlosigkeit dauerte, weiß ich nicht. Ich erwachte, als ich an einem Wasserhahn lag und man mir Wasser über den Kopf schüttete.“ (StALu HaasK). Kurz nach der Freilassung aus der Gestapohaft wurde Karl Haas im KZ Welzheim inhaftiert, aus dem er am 27. Jan. 1939 entlassen wurde unter der Auflage, sich jeden Tag beim zuständigen Polizeirevier zu melden.

Vor dem Hintergrund dieser lebensbedrohlichen Verfolgungssituation entschloss sich Karl Haas im Sommer 1939 zur Flucht ins Ausland. Über Köln und Ostende emigrierte er – ohne seine nichtjüdische Frau – nach London, das er am 26. Juni 1939 erreichte. Dabei gelang es ihm, einige seiner Instrumente sowie die gesamte, etwa 5.000 Mikrofilme umfassende Notensammlung auszuführen. Kurze Zeit später, bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er als „enemy alien“ im Kitchener Camp for Refugees, Sandwich, Kent, interniert (Raab HansenJ 1996, S. 258). Nach seiner Freilassung aus diesem Lager ging Haas wiederum nach London, wo er – obwohl ohne offizielle Arbeitserlaubnis – versuchte, im dortigen Musikleben Fuß zu fassen. Im Laufe der Zeit gelang es ihm, ein Kammerensemble von Musikern um sich zu versammeln, die ebenfalls an der Aufführung unbekannter Werke und dem Spielen seltener historischer Instrumente interessierten waren. Dem Ensemble gehörten auch Vertreter der etablierten Londoner early-music-Szene an, darunter Carl Dolmetsch, Gareth Morris und Leon Goossens (JacobsA 1952, S. 395-398). 1941 begann die regelmäßige Probenarbeit der Gruppe, die sich im Zusammenhang mit einer Konzertreihe im Rahmen der renommierten National Gallery Concerts in London (Raab HansenJ 1996, S. 230-255) 1943 den Namen London Baroque Ensemble (LBE) gab. Das Repertoire des LBE beruhte dabei in der Hauptsache auf in England unbekannten oder selten gespielten Werken (etwa von Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach oder Florian Gassmann) aus der Mikrofilm-Sammlung von Karl Haas, die von diesem für die Aufführungen eingerichtet oder arrangiert, später auch für den Verkauf ediert wurden. Die Besetzung des Ensembles schwankte dabei je nach Werk zwischen drei und knapp 40 Spielern. Kurz nach Kriegsende war für kurze Zeit auch der damals 21jährige Neville Marriner, heute einer der führenden Vertreter einer historisch informierten Aufführungspraxis, Mitglied in Haas’ Ensemble (Raab HansenJ 1996, S. 253).

Unter der Leitung von Karl Haas erarbeitete sich das LBE in Großbritannien und darüber hinaus schnell einen ausgezeichneten Ruf als Spezialensemble für unbekannte Barockkompositionen sowie Militärmusik und Werke in ungewöhnlicher Besetzung, von Haas selbst als „curiosities“ bezeichnet (HaasK 1948-1949, S. 11). Dabei trat die Gruppe weniger durch Konzerttätigkeit als vielmehr durch Radioaufnahmen (etwa für die BBC bereits während des Zweiten Weltkriegs) sowie ab 1951 durch eine Vielzahl von Schallplattenaufnahmen (u. a. für Parlophone (EMI), American Westminster, Pye) in Erscheinung. Nach Erhalt der Arbeitserlaubnis im Jahr 1948 bekam Haas erneut eine Anstellung als Berater für den Rundfunk (National Radio London) und beteiligte sich mit Publikationen zu den von ihm herausgegebenen Werken an Diskussionen in einschlägigen musikwissenschaftlichen Fachzeitschriften. Trotz aller beruflichen Erfolge lebte er in London in ständiger finanzieller Bedrängnis, die ihn dazu zwang, schlecht dotierte Plattenverträge anzunehmen und immer wieder Teile seiner Sammlungen zu verkaufen. In den Jahren 1955 und 1956 erhielt er daher Unterstützung aus dem Fonds der SDR-Künstlerhilfe (SWR HaasK). Nicht zuletzt durch den Erhalt einer regelmäßigen Wiedergutmachungsrente verbesserte sich gegen Ende der 1950er Jahre Haas’ wirtschaftliche Situation. Bis zum letzten Konzert des LBE am 20. Nov. 1966 blieb er im Londoner Musikleben aktiv und arbeitete darüber hinaus an einer Monographie zum Thema „300 years of military music“.

Karl Haas starb am 7. Juli 1970 in London. Seine Instrumenten-, Noten-, und wissenschaftliche Materialsammlung ist seit seinem Tod verschollen.

Hauptquellen: Anon. 1970, Raab HansenJ 1996, HolmesJL 1982a, BlomE 1954, StALu HaasK, JacobsA 1952

Matthias Pasdzierny (2009, aktualisiert am 16. Nov. 2010)
http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003249