Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
ab 2005 an der Universität Hamburg herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen
unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer
http://www.lexm.uni-hamburg.de/

Ernst Krenek

geb. am 23. Aug. 1900 in Wien, Österreich-Ungarn/heute: Österreich, gest. am 22. Dez. 1991 in Palm Springs (CA), USA, Komponist, Musikschriftsteller, Librettist, Dirigent, Pianist.

Biographie

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Ernst Krenek wurde am 23. Aug. 1900 in Wien geboren Er erhielt mit sechs Jahren den ersten Klavierunterricht und begann bald mit ersten Kompositionsversuchen. Bereits 1916 studierte er in Wien neben der Schule an der Akademie für Musik Komposition bei Franz Schreker. Bevor er diesem 1920 nach Berlin folgte, studierte er nach kurzem Militärdienst und absolvierter Matura auch Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nachdem er 1922 die Hochschule für Musik in Berlin (ohne formelles Examen, aber nachträglich mit einem Abschlusszeugnis versehen) verlassen hatte, hielt er sich seit Ende 1923 in der Schweiz auf (seit 1924 zusammen mit seiner damaligen Frau Anna Mahler auf Einladung des Mäzens Werner Reinhart) und unternahm ausgedehnte „Bildungsreisen“, u. a. nach Paris, wo er in folgenreichen Kontakt mit den dort schaffenden Komponisten (z. B. nicht nur Darius Milhaud, sondern auch Igor Strawinsky und George Antheil) und der französischen Musikästhetik kam. 1925-1927 wirkte er als „musikalischer Beirat“ unter dem Intendanten Paul Bekker an den preußischen Staatstheatern in Kassel und Wiesbaden, wo er wichtige Erfahrungen im Bereich des Musiktheaters sammeln konnte. Auch für den neu gegründeten Rundfunk arbeitete er von Anfang an als Komponist von „Sendespiel“-Musiken und als Vortragender. Das Jahr 1927 brachte mit der Oper „Jonny spielt auf“ einen sensationellen Erfolg. Der Uraufführung in Leipzig folgten über 100 weitere Inszenierungen – allerdings auch die ersten Angriffe aus dem nationalsozialistischen Lager (denen im Laufe der folgenden Jahre weitere folgten, bis hin zum Begleitheft der Ausstellung „Entartete Musik“ 1938, auf dessen Umschlag die Karikatur à la „Stürmer“ eines „jüdischen Negers“ Saxophon spielte). Im Herbst 1928 übersiedelte Krenek mit seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Berta Hermann, nach Wien, wo er in engen Kontakt mit Karl Kraus kam (dessen „Fackel“ er seit 1918 las) und sich einige Jahre auf essayistische und kulturpolitische Arbeiten konzentrierte: bis 1933 in der „Frankfurter Zeitung“, danach in der „Wiener Zeitung“ und, da er sich 1933-1935 für die Idee eines katholisch-autoritären Ständestaates engagierte, der ihm als Bollwerk gegen die Bedrohung durch Hitler-Deutschland geeignet erschien, gelegentlich und dezidiert anti-nationalsozialistisch im „Christlichen Ständestaat“ und in der „23“. Diese Musikzeitschrift hatten er, Willi Reich und Rudolf Ploderer 1932 gegründet, und Krenek gestaltete sie entscheidend mit durch eine große Anzahl nicht nur kulturpolitischer Artikel. Auch am „Anbruch“, zu dem er schon seit 1926 beigetragen hatte, arbeitete er weiterhin mit. Im Verein für neue Musik, der Ortsgruppe der IGNM, arbeitete er zusammen mit Alban Berg, Anton Webern und anderen Komponisten und Musikern aus dem Kreis der Zweiten Wiener Schule zusammen, um die Neue Musik im Konzertleben Wiens zu fördern. Er war mehrfach Delegierter und Jurymitglied der IGNM. 1933-1935 gab er eine Reihe von einführenden Vorträgen in Volksbildungsinstituten und organisierte eine Konzertreihe mit zeitgenössischer Musik, beides in musikpolitischer Absicht. Doch gleichzeitig bemerkte er die Umtriebe nazistischer Musikfunktionäre und erkannte, dass er sich in seinen politischen Hoffnungen auf ein vom Nationalsozialismus unangekränkeltes Vaterland getäuscht hatte. Er machte sich erstmals 1935 Gedanken darüber, Österreich zu verlassen, nachdem klar geworden war, dass die Uraufführung seines „Bühnenwerks mit Musik“ „Karl V.“, das auch als politisches Bekenntniswerk aufgefasst werden kann, nicht in Wien stattfinden würde. Ursprünglich für die Staatsoper geschrieben, sollte die erste abendfüllende dodekaphone Oper der Musikgeschichte (er hatte 1931/1932 begonnen, sich der Zwölfton-Komposition zuzuwenden) im Februar 1934 in Wien uraufgeführt werden; das wurde durch austrofaschistische Angriffe vereitelt. Das Werk wurde erst im Juni 1938 in Prag uraufgeführt, als Krenek sich schon aufgrund seiner politischen Überzeugung und der zu gegenwärtigenden NS-Verfolgung entschlossen hatte, nicht nach Österreich zurückzukehren.

1937 hatte ihm eine Tournee mit der Salzburg Opera Guild die willkommene Gelegenheit gegeben, zum ersten Mal nach Nordamerika zu reisen. Krenek befand sich am 12. März 1938, dem Tag des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich, auf der Rückreise von der Tournee in Belgien. Nachdem er monatelang mit dem ungültig gewordenen Pass verschiedene Konzertverpflichtungen in West- und Nordeuropa erfüllt und dabei für sich und seine Frau ein Immigrationsvisum für die USA zu erlangen versucht hatte, für das Mark Brunswick und Carl Engel Affidavits geschickt hatten, erreichte er – nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz, wo er noch einmal seine Eltern (den Vater zum letzten Mal) traf – im Sommer 1938 über Kanada die USA. (1945 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft; schon kurz nach der Einwanderung hatte er die Schreibweise seines Namens aus praktischen Erwägungen vereinfacht.)

Noch in Europa hatte er, ähnlich wie fünf Jahre zuvor Arnold Schönberg, eine Einladung des Cellisten Joseph Malkin an dessen Conservatory in Boston erhalten. Nach einjährigem Unterricht dort lehrte er 1939-1942 als Professor am Vassar College in Poughkeepsie (NY), wo er in der Musikbibliothek auch musikhistorische Studien betrieb. Nach seiner Entlassung aufgrund von grundsätzlichen Divergenzen mit dem Chairman ging er 1942 an die Hamline University, St. Paul (MN) (dort zugleich Chairman des Music Department und ab 1943 auch Dean der School of Fine Arts). Seine Kompositionsweise in den ersten Exiljahren veränderte sich in zwei Richtungen: Auf der einen Seite schrieb er z. B. Schulwerke für die Unterrichtspraxis und Stücke direkt für den Gebrauch, auf der anderen schrieb er zunehmend kompromisslose Werke ohne Rücksicht auf Aufführungsmöglichkeiten und experimentierte mit Dodekaphonie und Modalmusik und entwickelte ein Rotationsverfahren, das auf die Permutation der späteren seriellen Musik vorauswies. Durch seine Zusammenarbeit mit Dimitri Mitropoulos, dem Leiter des Minneapolis Symphony Orchestra, wurden die Twin Cities zu einem wichtigen Zentrum zeitgenössischer Musik: Der Dirigent führte eine Reihe von neuen Kompositionen Kreneks auf, und beide gründeten eine Ortsgruppe der ISCM. Krenek gab seit 1939 auch Sommerkurse an den Universitäten von Michigan in Ann Arbor und von Wisconsin in Madison sowie an den Reformhochschulen Black Mountain College in North Carolina und Kenyon College in Ohio. 1947 entschloss er sich, die Professur in St. Paul aufzugeben und nach Kalifornien zu ziehen (1947 Los Angeles, 1956 Tujunga, 1966 Palm Springs), um sich dort wieder verstärkt dem Komponieren zu widmen. Bis 1951 unterrichtete er nur noch zeitweise am City College und an einer Musikschule in Los Angeles, in Sommerkursen an der University of New Mexico in Albuquerque und ein halbes Jahr als Professor am Chicago Musical College.

Im Jahr 1950 war Krenek auf Einladung der Kranichsteiner Ferienkurse zum ersten Mal wieder in der Alten Welt. In den folgenden Jahren reiste er, meist mit seiner dritten Frau, der Komponistin und Lehrerin Gladys Nordenstrom, regelmäßig für Konzerte, Rundfunkaufnahmen, Vorträge und Kompositionskurse (Darmstädter Ferienkurse, Musikhochschulen Wien, Salzburg und Köln) nach Europa und arbeitete 1955/1956 im elektronischen Studio des WDR. In den USA wirkte er als Gastprofessor an der Princeton University, an der Brandeis University in Waltham (MA), am Peabody Institute in Baltimore (MD) und an der University of Hawaii. Die Musikabteilung der University of California, San Diego richteten auf seine Empfehlung hin seine früheren Studenten Robert Erickson, Wilbur Ogdon und Thomas Nee ein, die dort auch lange Jahre lehrten. Die Universität ernannte Krenek 1970 zum Regent’s Lecturer und richtete 1980 ein ihm gewidmetes Archiv ein.

Trotz einer Reihe von Rufen an deutsche und österreichische Musikhochschulen seit 1947 (z. B. Berlin, Köln, Frankfurt, Salzburg) konnte sich Krenek nie zu einer endgültigen Rückkehr nach Europa entschließen. Der vom Exil verursachte Zustand des Zwischen-zwei-Stühlen-Sitzens machte sich in den 1950er Jahren in seinen Reflexionen bemerkbar und zeigte sich besonders deutlich in den Jahren 1983 bis 1988, als Krenek regelmäßig mehrere Monate in Mödling bei Wien, den anderen Teil des Jahres in Palm Springs lebte.

Das kompositorische Schaffen Ernst Kreneks war ungewöhnlich produktiv. Bis zu seinem Lebensende entstand in 70 Schaffensjahren ein mehr als 240 Kompositionen umfassendes Œuvre, das alle musikalischen Gattungen enthält, von der Oper bis zur Hörspiel- und Schauspielmusik, von groß besetzten Symphonien über Ensemblestücke mit und ohne Gesang (oder Sprache) bis zu kleinen, unkonventionellen Besetzungen (Duo für Horn und Orgel) und Solostücken. Seine Anfänge als Kompositionsstudent liegen noch in der Spätromantik; dann aber setzte er sich mit allen kompositorischen Strömungen seiner Zeit auseinander: von der freien Atonalität und dem Expressionismus über die Neue Sachlichkeit und die Neoromantik zur Dodekaphonie, dem Serialismus und zur Aleatorik (inkl. elektronischer Musik). Diese Vielfalt Kreneks wurde in Deutschland oft kritisch gesehen, während er in den USA als „one-man history of 20th Century music“ gewürdigt wurde. Krenek war aber nicht nur Komponist und ausübender Künstler (Pianist und Dirigent) meist seiner eigenen Werke. Seit etwa 1930 widmete er sich auch verstärkt der schriftstellerischen Tätigkeit, die er als Jugendlicher bereits erprobt und in den ersten zehn Jahren seiner kompositorischen Karriere vor allem als sein eigener Librettist ausgeübt hatte. Nun veröffentlichte er Kritiken, Rezensionen und vor allem Essays über Musik und kulturelle und politische Zeitfragen. All dies behielt er bis zu seinem Lebensende bei, so dass sein schriftstellerisches Œuvre 16 Libretti und eine Novelle, eine Reihe von Büchern (thematisch von Ockeghem bis zur Neuen Musik reichend) und eine unübersehbare Reihe von Artikeln umfasst. Auch die didaktische Vermittlung von Musik wurde ihm zunehmend wichtig. Während er schon in den 1920er Jahren gelegentlich Privatschüler unterrichtete, widmete er sich ihr in den 1930er Jahren vor allem als Vortragender und im Exil als Professor für Komposition, der erste, der in den USA auch Zwölftontechnik unterrichtete (und schon 1941 das erste Textbook dafür publizierte).

In den USA erhielt er sechsmal die Ehrendoktorwürde. Seit 1954 wurden ihm zahlreiche Festivals in den USA, Österreich, Italien und Deutschland gewidmet. In Deutschland und Österreich ehrte man ihn auch mit einer großen Zahl von Orden und Medaillen, Preisen, Ehrenmitgliedschaften. Seine Vaterstadt Wien verlieh ihm 1980 die Ehrenbürgerschaft und stiftete 1985 den Ernst-Krenek-Preis als Auszeichnung für einen Kompositionswettbewerb bzw. für herausragende musikwissenschaftliche Arbeiten.

Zum Leben und Schaffen Ernst Kreneks sind inzwischen zahlreiche Publikationen erschienen, darunter Maurer ZenckC 1980, sehr viele seiner Werke sind auf CD eingespielt, seine Schriften sind teilweise in Neuauflagen erschienen; seine Autobiographie (KrenekE 1998) sowie Editionen von Exil-Tagebüchern (KrenekE 1992) und Briefen (KrenekE/GublerFT 1989, KrenekE/AdornoTW 1974) liegen vor oder sind in Vorbereitung (z. B. Briefwechsel mit der Universal Edition 1921-1945). Verschiedene Archive und Vereine in den USA und in Österreich betreuen seinen Nachlass.

Hauptquellen: Maurer ZenckC 1980

Claudia Maurer Zenck, Sophie Fetthauer (2006, aktualisiert am 16. Dez. 2009)
http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001293