Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
ab 2005 an der Universität Hamburg herausgegeben von Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen
unter Mitarbeit von Sophie Fetthauer
http://www.lexm.uni-hamburg.de/
geb. am 1. Jan. 1874 in Pleschen (Posen)/Pleszew, gest. am 13. Nov. 1951 in Cambridge (MA), USA, Musikhistoriker, Musikkritiker, Komponist, Pädagoge.
Hugo Leichtentritt wurde am 1. Jan. 1874 in Pleschen (Posen) geboren. Er wurde von seinen Eltern 1891 in die USA geschickt. In Somerville, Massachusetts, besuchte er die höhere Schule, um anschließend in Harvard zu studieren. Daneben nahm er privat Unterricht bei dem Komponisten John Knowles Paine. Nachdem er 1894 sein Studium abgeschlossen hatte, kehrte er nach Europa zurück. 1894-1895 studierte er in Paris, 1895-1898 an der Hochschule für Musik in Berlin sowie 1898-1901 Musikgeschichte, Philosophie, Ästhetik, klassische und moderne Literatur sowie Kunst an der Universität Berlin bei Oscar Fleischer und Max Friedlaender. 1901 schloss er sein Studium mit einer Dissertation über das Opernschaffen von Reinhard Keiser ab.
Leichtentritt, der in Deutschland – wie eine Reihe anderer Musikwissenschaftler jüdischer Herkunft auch – nie eine ordentliche Professur an einer Universität erlangen konnte, nahm nach dem Studium in Berlin eine mehrgleisige Berufstätigkeit auf. Am Klindworth-Scharwenka Konservatorium unterrichtete er Komposition, Musikgeschichte und Ästhetik, daneben erteilte er auch privat Kompositionsunterricht. Insbesondere konnte er sich als Autor musikwissenschaftlicher Schriften, darunter Biographien über Georg Friedrich Händel, Frédéric Chopin, Erwin Lendvai und Ferruccio Busoni sowie die Abhandlungen „Geschichte der Motette“ und „Musikalische Formenlehre“, in die er seine umfassende Bildung in Literatur, Sprache und Philosophie einbrachte, einen Namen machen. Die Entwicklungen in der zeitgenössischen Musik verfolgte er interessiert, lehnte aber die radikalen Neuerungen Arnold Schönbergs ab. Dennoch beschäftigte er sich auch in seiner „Musikalischen Formenlehre“ mit den Werken dieses Komponisten. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete er als Musikkritiker für die „Allgemeine Musikzeitung“, „Die Musik“, die „Signale für die musikalische Welt“ und die „Vossische Zeitung“ sowie als Berichterstatter über das deutsche Musikleben für den New Yorker „Musical Courier“ und die Londoner „Musical Times“. Als Komponist von Liederzyklen, Klavier- und Kammermusik, Konzerten, einer Symphonie und einer komischen Oper („Der Sizilianer“, Freiburg i. Br., 1920) vertrat er einen neobarocken Stil mit impressionistischen, teilweise auch exotischen Elementen. Er hatte einigen Erfolg als Komponist, seine Werke wurden allerdings nur in Einzelfällen publiziert.
Leichtentritt war persönlich befreundet mit Max Reger und Ferruccio Busoni. Letzteren hatte er 1911 kennengelernt, nachdem er dem anerkannten Komponisten eines seiner Werke zur Begutachtung zugeschickt hatte. Leichtentritt setzte sich in der Folge für die Kompositionen Busonis ein. Die Umarbeitung und Erweiterung seiner „Musikalischen Formenlehre“ ist wesentlich durch den Dialog mit Busoni beinflusst (SeedorfT 1990).
Nach dem Machtantritt der Nazis 1933 konnte Leichtentritt als Jude nicht weiter unterrichten, und es war ihm auch nicht mehr möglich, in Deutschland zu publizieren. Als Korrespondent für die „Musical Times“ blieb er noch bis Oktober 1933 tätig. In seinen Artikeln in der Sparte „Musical Notes from Abroad: Germany“ berichtete er kritisch über Veränderungen im deutschen Kulturleben, so etwa über den neu geschaffenen Kulturbund Deutscher Juden in Berlin, das Exil von bekannten Dirigenten, Kompositionslehrern, Instrumentalisten und Instrumentalpädagogen, Veränderungen im Konzertrepertoire sowie Arturo Toscaninis Absage, in Bayreuth zu dirigieren (Raab HansenJ 1996, S. 73-74).
Leichtentritt erhielt 1933 eine Einladung seiner alten Ausbildungsstätte, der Harvard University, und verließ Deutschland. Er wurde von seiner Mutter ins Exil begleitet. Sie starb 1950 mit 95 Jahren, Leichtentritt überlebte sie nur um ein Jahr. An der Harvard University war Hugo Leichtentritt von 1934 bis 1940 Professor für Musik. Nach seinem Ruhestand im Jahr 1940 unterrichtete er noch bis 1944 am benachbarten Radcliffe College und an der New York University. In der Harvard University Press erschienen vier neue Bücher von ihm, zudem war er Contributing Editor von Oscar Thompsons „The International Cyclopedia of Music and Musicians“, und er schrieb für „Musical Quarterly“. 1951 erschien auch eine erweiterte und ins Englische übersetzte Fassung seiner „Musikalischen Formenlehre“. Hugo Leichtentritt starb am 13. Nov. 1951 in Cambridge (MA).
Obwohl Leichtentritt, der älteren Generation angehörend, sich durchaus einen Namen als Musikwissenschaftler gemacht hatte und zudem anders als andere Flüchtlinge nicht mit Sprachproblemen zu kämpfen hatte, gelang es ihm im US-amerikanischen Exil nicht, die Anerkennung zu erhalten, die er sich wünschte und die etwa sein Kollege Alfred Einstein fand. Dass seine Kompositionen im Exil nicht anerkannt wurden, enttäuschte ihn sehr. Hugo Leichtentritt spielte für Béla Bartók eine wichtige Rolle, da dieser im US-amerikanischen Exil Zugang zur akademischen Welt fand und eine größere wissenschaftliche Strenge erwarb (LenoirY 1986, S. 186, LenoirY 1993, S. 390). Seine Schriften wurden in andere Sprachen (Englisch, Spanisch, Russisch) übersetzt. Im deutschsprachigen Bereich haben sich einige seiner Bücher im musikwissenschaftlichen Literaturkanon erhalten. Insbesondere die „Musikalische Formenlehre“ und die „Geschichte der Motette“ erscheinen bis heute immer wieder in Neuauflagen.
Hauptquellen: TraberH/WeingartenE 1987, MGG2 1994 ff., MGG1 1951-1986, NGroveD 2001, NGroveDAM 1986, PriebergFK 2004, RöderW/StraussHA 1983